Didaktische Potentiale von Mobile Learning

Mobiles Lernen ist an sich keine neue Erscheinung: Das Lesen eines Buches während der U-Bahn-Fahrt oder das Wiederholen von Lernstoff auf Karteikarten während der Wartezeit beim Arzt gab es schon lange vor Smartphones und Co und auch schon lange bevor das Schlagwort des „Mobile Learning“ in die medienpädagogische Forschung Einzug hielt. Eine Kolumne von Marc Rosenberg im Learning Solutions Magazine hat mich nun dazu gebracht, ein paar Gedanken von meiner Seite zum Thema „Mobile Learning“ zu notieren.

Marc Rosenberg stellt in dieser Kolumne die Frage „What Exactly Is Mobile Learning?“ Er kommt zu dem Schluss, dass die herkömmlichen Definition von Mobile Learning nicht zielführend sind. Diese fassen unter „Mobile Learning“ zumeist ...

  1. … das Lernen mit mobilen, meist drahtlos operierenden Geräte wie Smartphones, Tablets oder Netbooks.
  2. … das Lernen als Wissensvermittlung von Lehrenden zu Lernenden.

Als eine kurze und prägnante Definition von Mobile Learning schlägt er stattdessen vor:

“Mobile Learning is learning - in all forms and formats - that follows you.”

Diese Definition unterscheidet sich in zwei wesentlichen Punkten von den herkömmlichen Definitionen:

  1. Die verwendeten Geräte sind nicht länger das entscheidende am „Mobile Learning“. Im Wortsinne kann mobiles Lernen ebenso an einem Rechner in der Hotellobby oder an einem PC in einem Museum erfolgen wie auf dem eigenen Smartphone oder Tablet. Entscheidend ist lediglich, dass Menschen praktisch immer und überall lernen können.
  2. Lernen wird in seinem sehr weiten Sinn verstanden. Insbesondere kann auch individuellen und selbstinitiierten Lernprozessen eine größere Bedeutung zugesprochen werden.

Ich halte diese Überlegungen für hilfreich, um den Blick auf das zu lenken, was beim Mobile Learning tatsächlich innovativ sein kann: die Nutzung didaktischer Potentiale durch neue technische Möglichkeiten.

Hierzu ist es zunächst erforderlich, Mobile Learning nicht mit allgemeinem E-Learning gleichzusetzen. Mobile Learning ist vielmehr ein Bestandteil von E-Learning im Sinne eines elektronisch unterstützten Lernprozesses, wobei aber eine spezifische mediendidaktische Konzeption erforderlich ist. Es genügt demnach nicht, einer virtuellen Lernplattform ein responsives Layout zu verpassen, so dass sie auch auf dem Smartphone aufrufbar ist, um Mobile Learning erfolgreich zu realisieren.

Um stattdessen neu entstehende didaktische Potentiale zu nutzen kann man sich an den drei zentralen Funktionen orientieren, die im Rahmen von Mobile Learning allgemein unterschieden werden. Wer zu jeder Zeit und an jedem Ort lernen kann, der kann diese Lernphasen insbesondere dazu nutzen ...

  1. Kommunikation mit Mitlernenden oder Lehrenden zu betreiben.
  2. gezielt Wissen abzufragen.
  3. eigene Gedanken und Überlegungen zu notieren bzw. zu visualisieren.

Vor diesem Hintergrund liegt das Potential von Mobile Learning insbesondere darin, dass soziales, kontextgebundenes und informelles Lernen gestärkt werden kann.

Was erstens das soziale Lernen betrifft, so beruht dieses insbesondere auf der Mobile Learning Funktion der Kommunikation. Zwar sind über ein paar kurze Messages oder Likes – wie die Erfahrungen aus der Nutzung von sozialen Netzwerken belegen - keine engen Bindungen oder vertiefte Diskussionen zu erwarten, aber es kann dazu beitragen, dass die Wahrnehmung sozialer Präsenz im Rahmen virtuellen Lernens gesteigert wird und sich die Kontinuität von Austausch erhöht.

Das als zweites benannte kontextgebundene Lernen kann insbesondere durch die Funktionen der gezielten Wissensabfrage und der eigenen Dokumentationstätigkeit im Mobile Learning gestärkt werden. So ist es hier relativ leicht möglich, die aktuelle Tätigkeit oder den aktuellen Ort in einer Lernarchitektur mit zu berücksichtigen. Praktisch kann das bedeuten, dass dazu angeregt wird im Web 2.0 nach weiteren Bildungsressourcen zu einer bestimmten Aufgabe oder zu einem bestimmten Ort zu recherchieren. Besonders spannend sind hier Angebote, die den aktuellen Standort mit spezifischen Daten anreichern (augmented reality). Praktisch beschrieben wird diese Möglichkeit von Michael Lange in einem Beitrag auf dem Medienpädagogik Praxisblog.
Ein anderes Beispiel ist die Aufgabe an Schüler während einer Klassenfahrt Bilder zu machen, Notizen festzuhalten und auch Fragen zu notieren, so dass die Unternehmung auf dieser Grundlage später gemeinsam im Unterricht nachbereitet werden kann.

Das kontextgebundene Lernen impliziert zugleich das dritte Lernpotential im Mobile Learning: die Stärkung des informellen Lernens. So können sich aus dem jeweiligen Kontext individuell unterschiedliche Lerninteressen und Lernanlässe ergeben. Lernende haben so die Möglichkeit, nicht nur genau auf die Art und Weise zu lernen, wie es dem eigenen Lerntyp und dem eigenen Lerntempo am ehesten entspricht. Sie können darüber hinaus auch genau das lernen, was sie selbst am meisten interessiert.

Insgesamt bin ich der Auffassung, dass Mobile Learning trotz dieser Potentiale nicht überbewertet werden darf. Zu groß ist die Gefahr einer „Häppchenbildung“ und eines ständigen Informationssammeln und – teilens durch das Ruhe und Reflexionsmöglichkeiten - als wesentliche Voraussetzungen für Denken und Lernen - auf der Strecke bleiben. Sinnvoll halte ich Mobile Learning Angebote dann, wenn sie in einem klar gesteckten Rahmen zum Einsatz kommen und insbesondere integriert sind in umfassendere reale oder virtuelle Lehr-Lernszenarien. Auf diese Weise können Mobile Learning Angebote eine Bereicherung für das Lernen sein und auf diese Weise einen umfassenden Kompetenzerwerb und vertiefte Diskussionen und Kritikfähigkeit mit unterstützen. Allein über Mobile Learning lassen sich diese Ziele dagegen nicht erreichen.

Kolumne von Marc Rosenberg im Learning Solutions Magazine hat mich nun dazu gebracht, ein paar Gedanken von meiner Seite zum Thema „Mobile Learning“ zu notieren.

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