Digitalisierung: gestalten statt abwehren!

Gerade habe ich den Kommentar von Arnold Werner-Jensen in der FAZ zum Thema Digitalisierung und Bildung gelesen. Mein Fazit dazu: Schade!

Schade vor allem deshalb, weil der Verfasser in seinem Kommentar durchaus richtige und wichtige Kritikpunkte anspricht: fehlende Lehrkräfte, drohende oder bestehende Überforderung der Schulen angesichts der Anforderungen von Integration und Inklusion, Lobby-Politik von Konzernen, die sich über technische Ausstattung an Schulen Milliarden-Profite erhoffen oder der fehlende kritische Umgang mit digitalen Medien unter Lehrerenden sowie Schülerinnen und Schülern gleichermaßen.

Ausgehend vom letzten Kritikpunkt wird sein – ohnehin sehr polemisch verfasster und mit allerhand sachfremden Inhalten (Stichpunkt: Schreiben nach Gehör) gemischter Kommentar – dann aber leider völlig verfehlt. Denn kritischer Umgang mit digitalen Medien bedeutet für ihn in erster Linie: weg mit diesem Teufelszeug aus den Schulen und aus dem Leben. Oder in seinen Worten: ‚Wehren wir uns gegen die totale Digitalisierung unserer Welt – es ist leider schon fast zu spät!‘

Warum ist diese Postion nicht zielführend?

Den Fehlschluss in der Argumentation von Arnold-Werner Jensen erkennt man aus meiner Sicht am besten, wenn man versucht zu verstehen, was er unter ‚totaler Digitalisierung‘ versteht. In erster Linie findet er daran offensichtlich einen Kontrollverlust gefährlich – in dem Sinne, dass Digitalisierung über unser Leben bestimmt und nicht mehr wir selbst. Vor diesem Hintergrund ist auch die Überschrift des Kommentars gewählt: ‚Digitalisierung als unvermeidliches Naturereignis‘

Wie aber können wir es ändern, dass Digitalisierung als unvermeidliches Naturereignis unser Leben bestimmt und uns somit faktisch entmündigt. Ganz sicher nicht, indem wir alles Digitale aus den Schulen verbannen, sondern indem wir endlich und längst überfällig die Voraussetzungen dafür schaffen, dass in den Schulen die Kompetenz vermittelt werden kann, die Digitalisierung zu gestalten, zu hinterfragen und wo nötig zu verändern. Das bedeutet dann aber gerade nicht, Computer, Tablets und Smartphones raus aus der Schule. Denn nur wenn in einer digitalisierten Welt auch in Schulen selbstverständlich mit digitalen Methoden und Tools gelehrt und gelernt wird, dann können Kinder in der heutigen Welt zu mündigen Erwachsenen werden, die auch unter neuen Rahmenbedingungen gesellschaftlich handlungsfähig sind.

Mein Fazit deshalb – zu diesem und zu vielen anderen Kommentaren, die in ein ähnliches Horn blasen: Wenn wir konstruktiv, d.h. im Interesse einer besseren Bildung für alle über Digitalisierung an Schulen streiten wollen, dann sollten wir uns auf drei Punkte verständigen:

  1. Endlich Schluss machen mit einem entweder-oder! Das bedeutet beispielsweise:
    Nicht: Es müssen mehr Lehrer eingestellt werden statt in digitale Ausstattung zu investieren.
    Sondern: Es braucht mehr und vor allem auch besser ausgebildete Lehrer, denen eine gute technische Infrastruktur für guten Unterricht zur Verfügung steht.
  2. Problematische Entwicklungen im Bildungsbereich nicht immer und automatisch mit Medienkonsum der Kinder erklären. Wenn Schülerinnen und Schüler heute tatsächlich schlechter lesen und schreiben können als vor einigen Jahren, dann hat das vielfältige Gründe: didaktische Änderungen, zu große Klassen, mehr Schülerinnen und Schüler mit nicht-deutscher Muttersprache … Aber nicht: Kinder können kaum noch lesen, weil sie schon in der Kita auf Tablets und Smartphones rumwischen.
  3. Und vor allem: Progressive Bildung stärken statt sich in Scheingefechten zu verlieren. Denn die immer wieder vorgetragene Polemik gegen digital-unterstützte Bildung versperrt eine viel wichtigere Frage: Wie schaffen wir es, Bildung für alle besser zu machen? Bei dieser Frage geht es nicht in erster Linie um Technik, sondern um Didaktik. Die Stichpukte hierzu liefert unter anderem die konstruktivistische Lerntheorie: individualisiertes Lernen, mehr Kollaboration, selbstgestaltete Lernwege oder Projektorientierung … Vor diesem Hintergrund kommt es nicht auf das ob, sondern auf das wie der Digitalisierung an den Schulen an.

Meine These ist: Gut gemacht, ist Digitalisierung nicht der Verhinderer, sondern der Türöffner bzw. Katalysator für eine bessere Bildung für alle. Aber das wird nur dann gelingen, wenn wir uns gemeinsam dafür stark machen!

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