Nudging: Lernen & Lehren mithilfer kleiner 'Stubser'

Veröffentlicht am 5.2.2019

Vor knapp zwei Jahren erhielt der Verhaltensökonom Richard Thaler für seine Forschungen zum ‘Nudging’ den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Ausführlich begründet und dargestellt ist die Nudging-Theorie in seinem gemeinsam mit dem Rechtswissenschaftler Cass Sunstein veröffentlichten Buch ‘Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness’ (deutschsprachige Ausgabe unter dem Titel ‘Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt’). Die Nudging-Theorie kann auch für den Bildungskontext von Interesse sein. Warum und wie erläutere ich im folgenden Blogbeitrag.

Was ist ein ‘Nudge’ und was ist ‘Nudging’?

Nudge lässt sich ins Deutsche am besten mit dem Begriff ‘Schubs’ oder ‘Stups’ übersetzen. Beim Nudging geht es somit darum, jemanden einen Schubs oder Stups zu geben, so dass er eine bestimmte (erwünschte) Handlung ausführt. Dabei agiert man nicht mit Regeln oder Verboten. Stattdessen wird die Entscheidungs­situation so gestaltet, dass es leichter fällt, sich für das gewünschte Verhalten zu entscheiden. Beispielsweise könnte man in einer Kantine ungesunden Nachtisch schwer greifbr platzieren, Obst dagegen direkt in Augenhöhe und einfach zum Mitnehmen. Belegt ist, dass sich in diesem Fall mehr Menschen für das gesunde Obst als für den zuckrigen Donut entscheiden … (Dieses Beispiel zeigt auch schon die Schwierigkeit vor der man mit der Nudging-Theorie steht. Denn wer entscheidet darüber und auf welcher Grundlage was ein wünschenswertes Verhalten ist und was nicht? Nudging kann somit auch sein, dass Süßigkeiten beim Einkauf direkt in der Nähe der Kasse platziert werden, weil sich - auch das ist erwiesen - dann mehr Menschen schnell noch einen Schokoriegel in den Einkaufswagen packen.)

Wissenschaftlich ist Nudging durch vier Merkmale gekennzeichnet:

  1. Es handelt sich um Interventionen, die Einfluss auf menschliches Handeln (inklusive Routine-Handeln) haben und auf dessen Analyse basieren.
  2. Die Interventionen sind kostenfrei oder mit sehr geringen Kosten zu realisieren (es geht also nicht darum, etwas z.B. durch einen finanziellen Anreiz zu erreichen)
  3. Die Interventionen sind nicht in Form von Regeln, Verboten oder Forderungen gestaltet.
  4. Die Interventionen treten dann in Erscheinung, wenn eine Person eine Entscheidung trifft.

Wie funktioniert ‘Nudging’?

‘Nudging’ funktioniert durch unterschiedliche psychologische Wirkmechanismen. Dazu gehören unter anderem:

Im Englischen werden diese und weitere Wirkmechanismen mit dem MINDSPACE Modell zusammengefasst. Mindspace steht für Messenger (Wer sagt etwas?), Incentives (Welcher Anreiz ist gegeben?), Norms (Was machen andere?), Defaults (Wie ist die Standardeinstellung?), Salience (Wo ist etwas auffällig?), Priming (Welche unbewussten Hinweise wirken?), Affect (Wie fühle ich darüber?), Commitments (Zu was habe ich mich verpflichtet?) und Ego (Wie fühle ich mich besser?)

Die Grundregel zur Gestaltung eines Nudge lautet: Make it easy, attractive, social and timely! Das erwünschte Verhalten soll somit möglichst einfach zu erreichen sein (easy), möglichst attraktiv für die ausführende Person (attractive), möglichst positive soziale Auswirkungen haben (social) und genau zur richtigen Zeit wirken (timely). (= EAST-Regel)

Wie lässt sich Nudging zum Lehren und Lernen aufgreifen?

Die bisherige Darstellung zum Nudging hat bereits die Ambivalenz des Konzepts aufgezeigt: Auf der einen Seite ein sinnvoller Ansatz, um ein bestimmtes, erwünschtes Verhalten zu fördern. Auf der anderen Seite aber auch eine Art Trickserei, um Menschen zu einem bestimmten Verhalten zu bringen. Im staatlichen Kontext wird deshalb auch von ‘libertären Paternalismus’ gesprochen. Vor diesem Hintergrund ist ‘Nudging’ erstens ein inhaltliches Thema für den Bildungskontext. Es lohnt sich, zu verstehen, wie und warum wir auf bestimmte Weise handeln.

Der zweite Schritt ist dann, Nudging von Lehrendenseite auch direkt im Bildungskontext zur Anwendung zu bringen. Das Wissen über Nudging und insbesondere die damit verbundenen psychologischen Wirkmechanismen, können dazu dienen, Lernprozesse besser zu gestalten. (Hier wird man schnell feststellen, dass man schon jetzt ‘Nudging’ häufig anwendet - wahrscheinlich ohne sich dessen bewusst zu sein.)

Mögliche Beispiele sind:

Drittens lassen sich viele allgemeine Nudging-Ideen auch über die eigentlichen Lernprozesse hinaus in die Schule bzw. die eigene Bildungsinstitution übertragen. Etwa Nudging-Ideen um die Auswahl beim Schulessen gesünder zu machen, mehr Bewegung zu erreichen oder Müll zu vermeiden. Außerdem lässt sich Schulorganisation mithilfe von Nudging-Ideen effizienter gestalten - hier können insbesondere Konferenzen in den Fokus genommen werden. Zahlreiche Ideen, wie diese für alle besser gestaltet werden können, finden sich hierzu (in Auszügen offen online verfügbar) im MeetUpBuch.

Der vierte Schritt ist schließlich für den Bildungskontext der von mir präferierte, weil er auf dem Ideal eines mündigen und selbstaktiven Lernenden basiert: Lernende können mit der Nudging-Theorie vertraut gemacht werden, um darauf aufbauend eigene Nudging-Ideen zu entwickeln, mithilfe derer sie ihr eigenes Lernverhalten verbessern können. Aufgegriffen werden kann das Thema in diesem Sinne im Kontext von ‘das Lernen lernen’. Lernende reflektieren, was sie an ihrem aktuellen Lernverhalten stört, was sie verändern wollen und entwickeln darauf aufbauend mithilfe der EAST-Regel eigene Nudging-Ideen, die sie dann testen und bei Bedarf anpassen können. Auf diese Weise können sie sich selbst einen Schubs geben und ihr Lernen verbessern.

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