Wie könnte agiles Sprintlernen in der Schule funktionieren?

Die Methode des ‚Sprints‘ für den Bildungskontext habe ich in einem früheren Blogbeitrag beschrieben. Meine damalige Definition:

Unter einem Sprint im Bildungskontext versteht man ein Arbeitstreffen, bei dem gemeinsam an einem konkreten Ergebnis gearbeitet wird. Das können z.B. Bildungsmaterialien, Linklisten, Methoden-Sammlungen oder ähnliches sein. Sprints ermöglichen konzentrierte und kooperative Arbeitsphasen, bei denen sich Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Expertisen einbringen.

Bei der diesjährigen eQualification konnte ich eine erweiterte bzw. veränderte Form eines Sprints kennenlernen und auch selbst ausprobieren. Entwickelt wird sie im BMBF-geförderten Projekt ‚in MEDIAs res‘, an dem unter anderem das Fraunhofer Institut und das ‚ZNL – Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen‘ beteiligt sind. Die Idee des Projektes ist es, die Sprint-Methode zum Kompetenzerwerb im betrieblichen Kontext zu nutzen. Dazu wird insbesondere auf Erfahrungen der agilen Software-Entwicklung zurückgegriffen. Wichtig ist hierbei die SCRUM-Methode, bei der klare Vorgaben und Transparenz mit hoher Eigenverantwortung und Flexibilität von kollaborativ arbeitenden Teams zusammen gebracht wird.

Im folgenden beschreibe ich auf Basis der Darstellungen im Workshop bei der eQualification 2018 und meinen eigenen Überlegungen und Erfahrungen, wie sich solche Lernsprints praktisch gestalten lassen – und versuche dabei eine Übertragung auf den schulischen Kontext.

Wann sind Lernsprints geeignet?

Geeignet sein kann die Methode aus meiner Sicht insbesondere für die Gestaltung von Freiarbeitsphasen über einen längeren Zeitraum – etwa, wenn sich die Schülerinnen und Schüler in je einer Doppelstunde pro Woche ein bestimmtes Thema erschließen sollen – oder im Rahmen einer Projektwoche.
Vom Alter her kann die Methode je nach Lernziel und Umfang schon zum Ende der Grundschule hin Verwendung finden. Besonders gut geeignet erscheint sie mir für ältere Schülerinnen und Schüler.

Wie funktioniert die Methode

Die Methode beinhaltet fünf Schritte:

  1. das Backlog erstellen: Im ersten Schritt wird durch die Lehrperson ein so genanntes Backlog erstellt. Unter einem Backlog versteht man eine Liste mit Arbeitsaufträgen für eine bestimmte Gruppe. In unserem Fall werden hier somit die ‚Lernaufträge‘ für die Schülerinnen und Schüler bereitgestellt. Jeder Lernauftrag sollte mit konkreten Akzeptanzkriterien versehen werden, d.h. einer Darstellung, was von Seiten des Teams erarbeitet werden muss, damit der Auftrag erfüllt ist.
    Beispiel: In einer Unterrichtseinheit zur Französischen Revolution könnte ein Lernauftrag an das Lernteam z.B. lauten: Verschafft Euch einen Überblick über die wesentlichen Ereignisse der Französischen Revolution. Als Akzeptanzkriterien würde formuliert: Es liegt eine kommentierte Liste mit mindestens 10 relevanten Ereignissen vor. Die Liste ist ein Gruppenergebnis (d.h. nicht jede Person im Lern-Team soll seine eigene Liste gestalten, sondern alle gemeinsam eine).
  2. den Lernauftrag an die Lernteams erteilen: Im zweiten Schritt werden Lernteams aus den Schülerinnen und Schülern gebildet. Die Größe sollte für die Lernaufträge angemessen sein. Die Lehrperson stellt den Schülerinnen und Schülern die entwickelten Lernaufträge vor, erläutert bei Bedarf die jeweiligen Aufgaben genauer und geht insbesondere auf die geforderten Akzeptanzkriterien ein.
  3. den Lernprozess planen: Im dritten Schritt kommt das Lernteam zusammen und plant den Lernprozess. Die Lehrperson greift dabei falls nötig ein, um die Planung zu unterstützen. Wenn das Lernteam noch wenig Erfahrung mit selbstorganisiertem Lernen hat, kann es auch hilfreich sein, eine Vorlage zur Planung mit mehreren Fragen vorzugeben, die für jede zugeteilte Lernaufgabe ausgefüllt wird. Mögliche Fragen könnten hier z.B. sein: Wieviel Zeit wollen wir uns für die Lernaufgabe nehmen? Teilen wir uns zur Bearbeitung der Lernaufgabe auf oder bearbeiten wir alles gemeinsam? Wo finden wir Informationen, die wir zur Bearbeitung der Lernaufgabe benötigen? Wie wollen wir zusammen lernen und die Aufgabe lösen?
  4. die Lernaufträge bearbeiten:: Der vierte Schritt ist der eigentliche Lernsprint. Die Schülerinnen und Schüler bearbeiten die Lernaufträge, wie im Schritt zuvor von ihnen geplant. Die Lehrperson steht bei Bedarf für Fragen zur Verfügung. Grundsätzlich sollten die Lernaufträge aber selbstständig bearbeitet werden. Damit die Schülerinnen und Schüler dabei gut den Überblick behalten, sollten sie eine Pinnwand o.ä. zur Verfügung gestellt bekommen, auf der alle Lernaufträge und die dazugehörigen Planungen angepinnt werden. Zu Beginn sind sie im Bereich ‚zu erledigen‘. Anschließend folgen die Bereiche ‚in Bearbeitung‘, ‚zur Überprüfung‘ und schließlich ‚erledigt‘.
  5. den Lernprozess reflektieren: Im letzten Schritt wird der Lernprozess gemeinsam reflektiert. Er startet , wenn sich alle Lernaufträge im Bereich ‚zur Überprüfung‘ befinden. Dann überprüft die Lehrperson zunächst anhand der festgelegten Akzeptanzkriterien, ob der Lernauftrag erfüllt wurde und gibt Feedback zum Ergebnis. Eventuell fehlende Ergebnisse können in diesem Schritt gemeinsam nachgetragen und etwaige Fehler korrigiert werden. Anschließend wandert der Lernauftrag in das Feld ‚erledigt‘. Alternativ kann ein unzureichend erfüllter Lernauftrag auch an das Lernteam zur erneuten Bearbeitung zurückgegeben werden. Außerdem wird gemeinsam überlegt, was im Lernprozess gut und was weniger gut lief.

Persönliche Einschätzung

Ich finde eine Übertragung dieser Methode auf den schulischen Kontext aus mehreren Gründen sehr spannend:

  • es ist nicht nur eine Methode zum Lernen, sondern insbesondere auch, um Lernen zu lernen.
  • Im Fokus der Methode steht das kollaborative Lernen, welches ich für ein zeitgemäßes Lernen für sehr relevant erachte.
  • Die Methode ermöglicht eigenständiges Lernen, ohne die Lernenden zu überfordern. Voraussetzung ist hierfür, dass die Lernaufträge und die weitere Unterstützung im Planungsprozess durch die Lehrperson für die jeweilige Lerngruppe passend gestaltet wird und die Lernenden somit nicht allein gelassen werden.
  • Die Methode eignet sich gut für einen digital-unterstützten Unterricht und kann bei entsprechender Verwendung wichtige Kompetenzen für digitale Mündigkeit vermitteln, z.B. Recherche-Strategien im Internet, Reflexion von Information oder aktive Gestaltung in der digitalen Welt.